IsocyanatDoku
Schulung & Zertifizierung

Isocyanat-Schulungsstufen I, II und III — Tätigkeitsmatrix erklärt

REACH Anhang XVII Nr. 74 unterscheidet drei Schulungsstufen — je nach Gefährdungspotenzial der Tätigkeit. Hier erfahren Sie, welche Stufe für welche Tätigkeit gilt und wie die Tätigkeitsmatrix in der Praxis funktioniert.

1. Warum gibt es drei Schulungsstufen?

Das Prinzip der Verhältnismäßigkeit: Nicht jede Tätigkeit mit isocyanathaltigen Produkten ist gleich gefährlich. Ein Mitarbeiter, der gelegentlich eine Dose Montageschaum verwendet, ist einem anderen Risiko ausgesetzt als ein Lackierer, der täglich mit der Spritzpistole arbeitet. Die drei Stufen spiegeln diese Risikounterschiede wider und vermeiden unverhältnismäßigen Schulungsaufwand für einfache Tätigkeiten.

2. Stufe I (Allgemein): Für wen und was?

Stufe I gilt für Tätigkeiten mit geringer Isocyanat-Exposition:

  • Verwendung von Produkten aus geschlossenen Systemen (Dosen, Kartuschen)
  • Kurzzeitiger, gelegentlicher Kontakt (weniger als 30 Minuten pro Tag)
  • Verpacken, Umfüllen oder Transportieren isocyanathaltiger Produkte
  • Reinigung und Wartung bei vollständig ausgehärtetem Material

Schulungsformat: Online-Kurs, ca. 60 Minuten, auf safeusediisocyanates.eu verfügbar. Für BG-BAU-Betriebe kostenlos mit Code FEICA-22-BGBAU.

3. Stufe II (Fortgeschritten): Offene Handhabung

Stufe II gilt für alle Tätigkeiten mit offener Handhabung ohne Spritzapplikation:

  • Auftragen mit Pinsel, Rolle, Spachtel oder Bürste
  • Gießen oder Tauchen in isocyanathaltige Bäder
  • Reinigung von nicht ausgehärtetem isocyanathaltigem Material
  • Wartung und Reparatur bei noch nicht vollständig ausgehärtetem Produkt
  • Spritzapplikation in geschlossener Spritzkabine mit Absaugung

Schulungsformat: Vertiefender Online-Kurs, ca. 120 Minuten. Kostenpflichtig (ca. 15 €/Modul) oder über Berufsgenossenschafts-Angebote.

4. Stufe III (Spezialisiert): Hochrisiko-Tätigkeiten

Stufe III gilt für Tätigkeiten mit dem höchsten Expositionsrisiko:

  • Spritzapplikation außerhalb geschlossener Spritzkabinen
  • Warmverarbeitung von Isocyanaten (über 50 °C)
  • Reparatur, Wartung und Reinigung von Isocyanat-Dosieranlagen
  • Arbeiten an offenen Systemen mit hohem Aerosolpotenzial

Schulungsformat: Umfangreichster Kurs mit praktischen Elementen. Muss alle Inhalte von Stufe I und II enthalten plus spezialisierte Module für Hochrisikotätigkeiten. Nur von BLAC-anerkannten Anbietern.

5. Die Tätigkeitsmatrix: Produkt × Applikation × Umgebung

Die Stufenzuordnung richtet sich nicht nach dem Produkt allein, sondern nach der Kombination aus Produkt, Applikationsverfahren und Arbeitsumgebung. Drei Parameter bestimmen die Stufe:

  1. Produktkategorie: Lack, Klebstoff, Schaum, Gießharz, Reinigungsmittel
  2. Applikationsverfahren: Spray, Pinsel/Rolle, Gießen, geschlossenes System
  3. Arbeitsumgebung: Geschlossene Kabine mit Absaugung, Innenraum, Freifläche

Unser Schulungsstufen-Checker führt Sie durch alle drei Parameter und gibt die empfohlene Stufe sofort aus.

6. Einen Mitarbeiter mehreren Stufen zuordnen

Ja — das ist nicht nur möglich, sondern oft notwendig. Ein Tischler, der PU-Klebstoff mit dem Pinsel aufträgt (Stufe II) und gelegentlich PU-Lack mit der Spritzpistole außerhalb der Kabine verwendet (Stufe III), muss für beide Tätigkeiten nachgewiesen sein.

In IsocyanatDoku können pro Mitarbeiter mehrere Schulungsstufen mit unterschiedlichen Ablaufdaten hinterlegt werden — getrennt nach Tätigkeit.

7. 10 Praxisbeispiele — welche Stufe gilt?

TätigkeitStufe
Montageschaum aus geschlossener Dose auftragen (< 30 Min/Tag)Stufe I
PU-Klebstoff mit Pinsel oder Spachtel auftragenStufe II
2K-Lack mit Rolle im Innenbereich auftragenStufe II
Nicht ausgehärtetes PU-Material reinigenStufe II
Klarlack mit Spritzpistole außerhalb geschlossener KabineStufe III
HDI-Lack im Spritzverfahren, AutokarosserieStufe III
PU-Schaum bei Warmverarbeitung (> 50 °C)Stufe III
Reparatur und Wartung an Isocyanat-DosieranlagenStufe III
PU-Gießharz in offene Form gießenStufe II
Verpacken und Transportieren isocyanathaltiger ProdukteStufe I

8. Was passiert, wenn ich die falsche Stufe dokumentiere?

Eine zu niedrige Stufenzuordnung ist kein Formfehler — sie gilt als fehlende Schulung. Bei einer Kontrolle durch Gewerbeaufsicht oder Berufsgenossenschaft kann das zu Bußgeldern und Tätigkeitsverboten führen, auch wenn der Mitarbeiter eine Schulung absolviert hat. Die korrekte Stufenzuordnung ist Teil der Dokumentationspflicht.

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Unser Schulungsstufen-Checker führt Sie in 2 Minuten durch die Tätigkeitsmatrix.